Bunte Vielfalt
Volksgruppen in Österreich
Eine Volksgruppe in ihrer Ganzheit ist ein dynamisches, lebendiges Gebilde, das sich ständig weiterentwickelt und verändert. Sie stellt ein Spiegelbild der Menschen dar, die an ihrem aktiven Leben beteiligt sind und von vielen Faktoren beeinflusst wird, die von historischen, kulturellen, ökonomischen bis hin zu soziologischen Aspekten reichen.
In Österreich gibt es sechs autochthone Volksgruppen, deren Anerkennung im Bundesgesetz verankert ist. Neben den Tschechen und Slowaken sind es die Ungarn, Kroaten, Slowenen und Roma. Im Bundeskanzleramt (BKA) sind sie durch den Volksgruppenbeirat vertreten. Bei jeder der offiziell anerkannten Volksgruppen gibt es unterschiedliche Menge an Vereinen und Organisationen mit den verschiedensten Interessen. Alle haben jedoch ein gemeinsames Ziel: Sie bemühen sich um die Erhaltung der eigenen Sprache, Identität und Vielfalt, die seit Jahrzehnten in Österreich gelebt wird. Die Bundesrepublik Österreich unterstützt diese Volksgruppen im Rahmen unterschiedlicher Förderprogramme.
Geschichte, Gegenwart & Zukunft
Tschechische und slowakische Volksgruppe in Österreich
Geschichte
Die Geschichte sowohl der tschechischen als auch der slowakischen Volksgruppe in Österreich reicht weit in die Vergangenheit zurück. Tschechische, slowakische, aber auch österreichische Historiker haben der Volksgruppe(n) ihre Aufmerksamkeit geschenkt und so wurden etliche wissenschaftliche Aufsätze und Monographien zu dieser Thematik veröffentlicht.
Die Spuren der Existenz der Tschechen sowohl in der Vergangenheit als auch im gegenwärtigen Leben Wiens kann man nicht übersehen. Tschechische Namen, Lehnwörter im Wiener Dialekt und Gerichte böhmischer und mährischer Ursprungs, die einen festen Platz auf der Wiener Speisekarte einnahmen, sind vielleicht die markantesten Merkmale der Existenz der tschechischen Volksgruppe in Wien. Zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten Österreichs haben ihren Ursprung in der tschechischen Minderheit, egal, ob sie bewusste Mitglieder dieser Minderheit oder völlig assimilierte Angehörige der österreichischen Gesellschaft waren oder sind.
(Quelle: Vlasta Valeš, Die Wiener Tschechen einst und jetzt/Vídeňští Češi včera a dnes, Praha 2004, S. 62-63)
Gegenwart
Das Leben in einer Minderheit kann mit dem Leben eines Dorfes verglichen werden, wobei jede Organisation durch ein Wohnhaus repräsentiert wird. Wie in jedem richtigen Dorf gibt es auch in unserer Minderheit eine Kirche, eine Schule, viele Kneipen, Zeitungen und Zeitschriften, die über das Leben der Volksgruppe berichten. Sogar in staatlichen Medien gibt es eigene Volksgruppensendungen. Sowohl die tschechische als auch die slowakische Gemeinschaft entwickelt sich ständig weiter. In der Minderheit gibt es zahlreiche Vereine und Organisationen, die in den Bereichen Bildung, Kultur, Sport und Religion tätig sind.
In Wien ist das Angebot an tschechischen, slowakischen oder tschechisch-slowakischen Vereinen groß. Es gibt einen Chor, ein Amateurtheater, kulturelle Organisationen, die Veranstaltungen für die Volksgruppe organisieren, Folklore- und Tanzgruppen, Sportvereine, katholische Vereinigungen und Bildungseinrichtungen. Es gibt auch Vereine, die Podiumsdiskussionen und Vorträge mit interessanten Persönlichkeiten veranstalten oder Führungen, Networking und Ausflüge organisieren. Neben diesen registrierten Organisationen gibt es viele Interessengruppen, die ihre eigenen Aktivitäten ad hoc veranstalten, sowie verschiedene Plattformen zum Informationsaustausch. Außerdem gibt es einige Gasthäuser, die köstliche tschechische und slowakische Gerichte anbieten. Auch Ärzte, Rechtsanwälte, Übersetzer mit tschechischen oder slowakischen Kenntnissen sind nicht schwer zu finden.
Zukunft
Die Antwort auf die Frage, wie lange noch die tschechische Minderheit fähig sein wird, dem Assimilationsdruck zu widerstehen, ist von vielen Faktoren abhängig. Im Stadtmilieu, wo die Minderheit zerstreut unter der Mehrheitsbevölkerung lebt und im weit höheren Maße gemischte Ehen schließt, ist die Geschwindigkeit der Assimilation höher als bei Minderheiten, die in kompakter Besiedlung im ländlichem Milieu leben. Ein wichtiger Faktor, der auf die Bereitschaft sich zu assimilieren wirkt, ist nicht nur das Image der Minderheit, sondern auch das Image des Mutterstaates bei der restlichen Bevölkerung in dem Lande, wo die Minderheit lebt.
(Quelle: Vlasta Valeš, Die Wiener Tschechen einst und jetzt/Vídeňští Češi včera a dnes, Praha 2004, S. 62)
Wie unsere Volksgruppe in Zukunft aussehen wird und was Historiker eines Tages über ihr Leben im 21. Jahrhundert schreiben werden, hängt von den Bemühungen und Aktivitäten jedes Einzelnen von uns ab. Wenn du auf der Suche nach tschechischen oder slowakischen Organisationen, Medien oder weiteren Kooperationspartnern bist, haben wir für dich ein paar nützliche Links ausgesucht.
Die Dachorganisation
Minderheitsrat der tschechischen und slowakischen Volksgruppe in Österreich
Als registrierte Organisation (erneut 1951) vertritt der Minderheitsrat der tschechischen und slowakischen Volksgruppe in Österreich die Interessen der beigetretenen Vereine (derzeit insgesamt 18) und der Volksgruppe. Zu weiteren Aufgaben des Minderheitsrates gehört es, eigene Zeitung herauszugeben sowie den Repräsentations- und Maturaball der Wiener Tschechen und Slowaken mitzugestalten. Seine Sitzungen finden in regelmäßigen Abständen statt.
Der Minderheitsrat ist auch im Bereich der öffentlichen Medien tätig. Seit 1946 gibt eine eigene Zeitung Vídeňské svobodné listy in tschechischer Sprache heraus, die alle zwei Wochen erscheint. Manche Artikel sind ebenso auf Slowakisch verfasst.
Kultur, Begegnung und festliche Tradition
Ball der Tschechen und Slowaken
Einmal jährlich findet der Repräsentations- und Maturaball der Wiener Tschechen und Slowaken statt, den der Minderheitsrat gemeinsam mit dem Schulverein Komenský veranstaltet. Der Ball zählt zu den wichtigsten gesellschaftlichen Veranstaltungen der tschechischen und slowakischen Gemeinschaft in Wien und bringt Gäste aus Kultur, Bildung und öffentlichem Leben zusammen. Neben dem festlichen Programm bietet die Veranstaltung Gelegenheit zum Austausch und zur Pflege der tschechischen und slowakischen Traditionen.
Seit 1992 eigenständig anerkannt
Slowakische Volksgruppe in Österreich
Die slowakische Volksgruppe in Österreich ist seit 1992 eigenständig organisiert und setzt sich für die Pflege ihrer Sprache, Kultur und Traditionen ein. Insgesamt drei Vereine fördern das kulturelle Leben und schaffen Räume für Begegnung und Austausch. Durch Bildungs-, Kultur- und Gemeinschaftsprojekte wird die slowakische Identität aktiv gestärkt und an kommende Generationen weitergegeben. Gleichzeitig leistet die Volksgruppe einen wertvollen Beitrag zur kulturellen Vielfalt Österreichs.
Medien als Stimme der Volksgruppe
Zeitungen und Zeitschriften in der Volksgruppensprache
Derzeit erscheinen in Österreich vier Periodika in tschechischer beziehungsweise slowakischer Sprache. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Information der Volksgruppenangehörigen und fördern den Austausch innerhalb der Gemeinschaft. Darüber hinaus tragen sie zur Pflege der Muttersprache sowie zur Sichtbarkeit des tschechischen und slowakischen Kulturlebens in Österreich bei. Die Publikationen berichten über aktuelle Entwicklungen, Veranstaltungen und Themen von besonderem Interesse für die Volksgruppe.
- Vídeňské svobodné listy
- Česká a Slovenská Vídeň dnes
- Kulturní klub
- Pohľady
Darüber hinaus verfügt die tschechische und slowakische Volksgruppe auch über eine regelmäßige Präsenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der ORF bietet Sendungen in tschechischer und slowakischer Sprache an und trägt damit zur Information der Volksgruppenangehörigen sowie zur Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt in Österreich bei.